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Coaching und Beratung

Geschichten zum Nachdenken / Kolumne 


 

Warum ist man eigentlich nie zufrieden?

 


So oder so ähnlich könnte die Überschrift zu vielen meiner Sitzungen mit Klienten lauten. Und das ist nichts ungewöhnliches, lässt uns die Gesellschaft, in der wir leben, doch ziemlich schnell spüren, welchen Stellenwert sie einem beimisst. Wie schon Erich Fromm in seinem Buch „Haben oder Sein“ schilderte, „geht man in der postindustriellen Gesellschaft nicht mehr von dem aus, was man ist, sondern von dem, was man hat.“  

Der Leitgedanke lautet: „Was wäre ich glücklich mit dem, was ich nicht habe“  

Und das „was ich nicht habe“, ist nicht etwa das Auto, das Haus, das Geld oder der Partner und so weiter. Das was ich nicht habe, ist eben das „was ich nicht habe“, also etwas Unerreichbares.    

Mit anderen Worten: Wenn es mir gelingt, das zu bekommen, was ich nicht habe, macht es mich nicht glücklich, weil dieses Etwas (Auto, Haus, Geld, Partner…) in dem Moment, wo ich es mein Eigen nenne, nicht mehr zu dem gehört „was ich nicht habe“. Und laut unserem postindustriellen Merksatz kann ich nur mit dem glücklich werden „was ich nicht habe“.  

Der argentinische Schriftsteller und Psychotherapeut Jorge Bucay verdeutlicht dies in seiner Geschichte: Der Kreis der Neunundneunzig.

 

Es war einmal ein sehr unglücklicher König, er hatte einen Diener, der wie alle Diener von unglücklichen Königen sehr glücklich war. Jeden Morgen weckte er den König, brachte ihm das Frühstück und summte dabei fröhliche Spielmannslieder. In seinem Gesicht zeichnete sich ein breites Lächeln ab, und seine Ausstrahlung war stets heiter und positiv.

Eines Tages schickte der König nach ihm. „Page“, sagte er. „Was ist dein Geheimnis?“

„Mein Geheimnis, Majestät?“

„Was ist das Geheimnis deiner Fröhlichkeit?“

„Da gibt es kein Geheimnis, eure Majestät.“

„Lüg mich nicht an, Page. Ich habe schon Köpfe abschlagen lassen, für weniger als eine Lüge.“

„Ich belüge euch nicht, Majestät. Ich habe kein Geheimnis.“

„Warum bist immer fröhlich und glücklich? Hm, sag mir, warum?“

„Herr, ich habe keinen Grund traurig zu sein. Eure Majestät erweist mir die Ehre, euch dienen zu können. Ich lebe mit meinem Weib und meinen Kindern in einem Haus, das uns der Hof zugeteilt hat. Man kleidet und nährt uns, und manchmal, Majestät, gebt Ihr mir die ein oder andere Münze, damit ich mir etwas Besonderes leisten kann. Wie sollte ich da nicht glücklich sein?“

„Wenn du mir nicht gleich dein Geheimnis verrätst, lasse ich dich enthaupten.“, sagte der König. „Niemand kann aus solchen Gründen glücklich sein.“

„Aber Majestät, es gibt kein Geheimnis. Wie gern wäre ich euch zu Gefallen, aber ich verheimliche nichts.“

„Geh, bevor ich en Henker rufen lasse.“

Der Diener lächelte, machte eine Verbeugung und verließ den Raum. Der König war völlig außer sich. Er konnte sich einfach nicht erklären, wie dieser Page so glücklich sein konnte, der sich als Leibeigener verdingen musste, alte Kleidung auftrug und sich von dem ernährte, was von der königlichen Tafel übrig blieb.

Als er sich beruhigt hatte, rief er dein weisesten seiner Berater zu sich und berichtete ihm von dem Gespräch, das er an diesem Morgen geführt hatte. „Warum ist dieser Mensch glücklich?“

„Majestät, er befindet sich außerhalb des Kreises.“

„Außerhalb des Kreises?“

„So ist es.“

„Und das macht ihn glücklich?“

„Nein, mein Herr. Das ist das, was ihn nicht unglücklich sein lässt.“

„Begreife ich das recht: Im Kreis zu sein, macht einen unglücklich?“

„So ist es.“

„Und er ist es nicht.“

„So ist es.“

„Und wie ist er da wieder heraus gekommen?“

„Er ist niemals eingetreten.“

„Was ist das für ein Kreis?“

„Der Kreis der Neunundneunzig.“

„Ich verstehe nicht.“

„Das kann ich nur an einem praktischen Beispiel erklären.“

„Wie das?“

„Lass deinen Pagen in den Kreis eintreten.“

„Ja, zwingen wir ihn zum Eintritt.“

„Nein, Majestät. Niemand kann dazu gezwungen werden, in den Kreis einzutreten.“

„Also muss man ihn überlisten.“

„Das ist nicht nötig, Majestät. Wenn wir ihm die Möglichkeit dazu geben, wird er ganz von selbst eintreten.“

„Aber er merkt nicht, dass er sich dadurch in einen unglücklichen Menschen verwandelt?“

„Doch, er wird es merken.“

„Dann wird er nicht eintreten.“

„Er kann gar nicht anders.“

„Du behauptest, er merkt, wie unglücklich es ihn macht, in diesen albernen Kreis einzutreten, und trotzdem tut er es, und es gibt keinen Weg zurück?“

„So ist es, Majestät. Bist du bereit einen ausgezeichneten Diener zu verlieren, um die Natur dieses Kreises zu begreifen?“

„Ja, ich bin bereit.“

„Gut. Heute Nacht werde ich kommen und dich abholen. Du musst einen Lederbeutel mit neunundneunzig Goldmünzen bereithalten. Neunundneunzig, keins mehr, keins weniger.“

„Was noch? Soll ich meine Leibwache  mitnehmen, für den Fall, dass…?“

„Nur den Leerbeutel. Bis heute Nacht, Majestät.“

„Bis heute Nacht.“

Und so geschah es. In dieser acht holte der Weise den König ab. Gemeinsam verließen sie unerkannt den Hof und versteckten sich in der Nähe des Hauses des Pagen. Dort warteten sie auf den Tagesanbruch. Im Haus wurde die erste Kerze angezündet. Der Weise steckte einen Zettel an den Beutel, auf dem stand:

„Dieser Schatz gehört dir. Es ist die Belohnung dafür, dass du ein guter Mensch bist. Genieße ihn und sag niemandem wie du an ihn gelangt bist.“

Dann band er den Beutel an die Haustür des Dieners, klingelte und versteckte sich wieder. Der Page kam heraus, und von ihrem Versteck im Gebüsch aus beobachteten der Weise und der König das weitere Geschehen.

Der Bedienstete öffnete den Beutel, las die Nachricht, schüttelte den Sack, und als er das metallische Geräusch aus seinem Innern vernahm, zuckte er zusammen, drückte den Schatz an seine Brust, sah sich um, ob ihn auch niemand beobachtete, und ging ins Haus zurück. Von draußen hörte man, wie der Diener die Tür verriegelte, und so näherten die Spione sich dem Fenster, um die Szene zu beobachten.

Der Diener hatte alles, was sich auf dem Tisch befand, mit einem Handstreich auf den Boden gewischt, bis auf eine Kerze. Er hatte sich hingesetzt, den Inhalt des Beutels auf den Tisch geleert und traute seinen Augen kaum. Es war ein Berg aus Goldmünzen. Er, der in seinem ganzen Leben auch nicht eine einzige verdient hatte, besaß nun einen ganzen Berg davon.

Er berührte und häufelte sie. Er streichelte sie und betrachtete sie im Widerschein der Kerze. Er strich sie zusammen und verteilte sie wieder auf dem Tisch, um sie danach zu Säulen aufzustapeln. So vergnügte er sich mit seinem Schatz, bis er schließlich begann, Häuflein zu zehn Münzen zu machen. Ein Zehnerhaufen, zwei Zehnerhaufen, drei, vier, fünf, sechs … Er zählte sie zusammen: zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig… Bis zum letzten Häuflein, das nur aus neun Münzen bestand!

Zunächst suchten seine Augen den Tisch ab, in der Hoffnung die fehlende Münze zu finden. Dann schaute er auf den Boden und schließlich in den Beutel. „Das ist unmöglich“, dachte er. Er schob den letzten Haufen neben die anderen, und tatsächlich, er war kleiner.

„Man hat mich beraubt“, schrie er. „Man hat mich beraubt. Das ist Diebstahl!“

Wieder schweifte sein Blick über den Tisch, über den Boden, in den Beutel, in seine Kleider, in seine Taschen, unter die Möbel … Aber die gesuchte Münze blieb verschollen. Wie um ihn zu foppen, funkelte auf dem Tisch ein Haufen Goldstücke und erinnerte ihn daran, dass es nur neunundneunzig waren. Nur neunundneunzig.

„Neunundneunzig Münzen. Das ist eine Menge Geld“, dachte er. „Aber ein Goldstück fehlt. Neunundneunzig ist keine runde Zahl. Hundert ist rund, doch nicht neunundneunzig.“

Der König und sein Ratgeber spähten zum Fenster hinein. Das Gesicht es Pagen hatte sich verändert. Seine Stirn lag in Fakten, und die Miene war angespannt. Die Augen hatte er zu Schlitzen gepresst, und um seinen Mund spielte ein verzerrtes Lächeln. Der Diener steckte die Münzen in den Beutel zurück, vergewisserte sich, dass ihn niemand im aus beobachtete, und versteckte den Beutel zwischen der Wäsche. Dann nahm er Papier und Feder und setzte sich an den Tisch, um eine Rechnung aufzustellen.

Wie lange musste er sparen, um Goldstück Nummer hundert zu bekommen? Der Diener führte Selbstgespräche. Er war bereit hart dafür zu arbeiten. Danach würde er womöglich niemals wieder etwas tun müssen. Mit hundert Goldstücken konnte man aufhören zu arbeiten. Mit hundert Goldstücken ist man reich. Mit hundert Goldstücken kann man ein ruhiges Leben führen. Er beendete seine Rechnungen. Wenn er hart arbeitete und sein Gehalt und etwaige Trinkgelder sparte, konnte er in elf oder zwölf Jahren genügend für ein weiteres Goldstück beisammen haben.

„Zwölf Jahre sind eine lange Zeit“, dachte er. Vielleicht konnte er seine Frau überreden, sich für  eine Weile im Dorf zu verdingen. Und er arbeitete schließlich nur bis um fünf Uhr im Palast. Nachts konnte er noch etwas hinzuverdienen. Er überlegte: Wenn man seine Arbeit im Dorf und die seiner Frau zusammenrechnete, konnten sie in sieben Jahren das Geld beieinander haben. Das war zu lang.

Vielleicht konnte er das Essen, das ihnen übrigblieb, ins Dorf bringen um es für ein paar Münzen verkaufen. Je weniger sie also essen würden, desto mehr könnten sie verdienen. Verdienen, verdienen. Es würde warm werden. Wozu brauchten sie so viel Winterkleidung? Wozu brauchte man mehr als ein paar Hosen?

Es war ein Opfer. Aber in vier Opferjahren hätten sie Goldstück Nummer hundert.

Der König und der Weise kehrten in den Palast zurück. Der Page war in den Kreis der neunundneunzig eingetreten.

Während der kommenden zwei Monate verfolgte der Bedienstete seinen Plan genau, wie er ihn in jener Nacht entworfen hatte. Eines Morgens klopfte er übelgelaunt und gereizt an die Tür des königlichen Schlafzimmers.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte der König höflich.

„Mit mir? Gar nichts.“

„Früher hast du immer gesungen und gelacht.“

„Ich tue meine Arbeit, oder etwa nicht? Was wünschen Ihre Majestät? Soll ich Euch auch noch Hofnarr und Bare sein?“

Es dauerte nicht mehr allzu lang, da entließ der König den Diener. Er fand es unangenehm einen Diener zu haben, der immer schlecht gelaunt war.    


 

Wir alle sind nach dieser blöden Regel erzogen worden. Immer fehlt uns noch ein Stück um zufrieden zu sein, und nur, wenn man zufrieden ist, kann man genießen, was man hat. Wir haben gelernt, dass sich das Glück einstellt, sobald wir das fehlende Stück haben. Und da uns immer etwas fehlt, kehrt der Gedanke an seinen Ausgangspunkt zurück, und man kann niemals das Leben genießen.  

Aber was wäre, wenn wir plötzlich die Erleuchtung hätten und ganz plötzlich merkten, dass unsere neunundneunzig Münzen hundert Prozent des Schatzes sind.

Dass uns gar nichts fehlt, dass uns niemand etwas weggenommen hat, dass die Hundert gar keine rundere Zahl ist als die Neunundneunzig.

Dass das alles bloß eine Falle ist, eine Möhre, die man uns vor die Nase gebunden hat, damit wir so blöd sind und den Karren ziehen, müde, schlecht gelaunt, unglücklich und resigniert.

Eine Falle, damit wir nie aufhören, uns anzutreiben, und damit immer alles beim Alten bleibt.

Wie viele Dinge würden sich ändern, wenn wir unsere Schätze so genießen könnten, wie sie sind.

 

Doch Vorsicht. Zu erkennen, dass neunundneunzig ein Vermögen ist, bedeutet nicht, dass man seine Ziele aufgeben muss. Es bedeutet nicht, dass man sich mit allem zufriedengeben muss.

Akzeptieren ist eine ganz andere Sache als Resignieren!

… Aber das ist wieder eine andere Geschichte …

 

Und so sitze ich an diesem wunderschönen Tag auf der Terrasse, genieße die Sonne und erfreue mich an meinen Neunundneunzig…  

… und wünsche euch, dass auch ihr eure Schätze genießen könnt! 

 


Gott sei mit euch - Shalom Aleichem - Salem aleikum und Namaste


 Ihr

Andreas Lorenz